Zusammenfassung
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Leichte Verschlechterung des konjunkturellen Basisszenarios: Wir gehen aktuell von einem Ölpreis von 75 USD pro Barrel aus (nach zuvor 65 USD), was sowohl in den USA als auch in Europa das Wachstum leicht senken und die Inflation leicht erhöhen dürfte.
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Konstruktiv, aber vorsichtig bleiben: Wir behalten unsere Übergewichtung in Aktien bei und behalten die Entwicklung genau im Auge. Die Geschichte zeigt, dass geopolitische Rückschläge von kurzer Dauer sind, sofern sie sich nicht zu einem langfristigen gesamtwirtschaftlichen Schock ausweiten.
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Wichtigstes Extremrisiko: Eine anhaltende Blockade der Straße von Hormus, die den Ölpreis über 100 USD treibt, würde Stagflationsängste auslösen und uns veranlassen, Aktien abzubauen, allen voran in Schwellenländern.
Was ist passiert?
Koordinierte Angriffe der USA und Israels gegen den Iran begannen am Samstag, den 28. Februar, während iranische Vergeltungsschläge der gesamten Region galten. Ohne klar formulierte Absichten oder Ziele seitens der USA entstehen durch diese Ereignisse zahlreiche Hypothesen und Unsicherheiten in der Region für die kommenden Monaten sowie Risiken für Anleger.
Für die Märkte und unsere Volkswirtschaften wird entscheidend sein, was mit den Ölpreisen geschieht. Es ist nicht klar, ob die Straße von Hormus offiziell für die Schifffahrt gesperrt ist, aber das ändert nichts am Ergebnis: Rund ein Fünftel des Erdöls und des Flüssigerdgases ist blockiert [1]. Zudem müssen bestimmte Energieinfrastrukturen im Iran und in anderen Ländern des Nahen Ostens möglicherweise den Betrieb einstellen (die saudische Raffinerie Ras Tanura wurde am Montagmorgen von einer Drohne getroffen, während Katar die LNG-Produktion gestoppt hat).
Leichte Abwärtskorrektur unseres wirtschaftlichen Basisszenarios
Für den größten Teil des Jahres 2025 und bis Anfang 2026 zeichnete sich der Ölmarkt durch ein Überangebot aus, da die OPEC-Länder die Fördermenge erhöht hatten. Infolgedessen gab Brent-Rohöl von rund 80 USD pro Barrel im Jahr 2024 auf unter 70 USD im Jahr 2025 nach[2]. Die jüngsten Ereignisse im Nahen Osten haben diese Dynamik komplett verändert und die Preise erneut auf 80 USD pro Barrel steigen lassen.
Die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen höherer Ölpreise hängen sowohl von ihrer Größenordnung als auch von ihrer Dauer ab. Aufrufe aus Israel und den USA zu einem Sturz des Regimes durch die Iraner zeigen, dass sich keines der beiden Länder auf einen langwierigen Konflikt einlassen will. Wird eine anhaltende Blockade der Straße von Hormus vermieden, würden die Ölpreise wahrscheinlich nicht weiter steigen. Angesichts der Destabilisierung der Region gehen wir jedoch davon aus, dass die Preise 10 USD über unserem Basisszenario liegen werden, d. h. 75 USD pro Barrel statt 65 USD[3]. Für die USA rechnen wir mit einem Anstieg der Inflation um 0,3% und einem Rückgang des Wachstums um 0,2% (durchschnittlich 2,2% für 2026). In der Eurozone könnten die direkten Auswirkungen der gestiegenen Ölpreise auf die Inflation aufgrund höherer Steuern moderater ausfallen. Allerdings dürfte Europa anfälliger für höhere Erdgaspreise sein. Wenn die Störungen vorübergehender Natur sind, dürften die allgemeinen Auswirkungen auf Inflation und Wachstum vergleichbar mit den USD ausfallen, wo das Wachstum 2026 bei durchschnittlich 1% liegt.
Eine längere Blockade der Straße von Hormus könnte den Ölpreis in Richtung 100 USD treiben und unser Szenario erheblich verändern
Während Präsident Trump bereits angedeutet hat, dass der Konflikt 4 Wochen dauern könnte, ist auch ein längerer Konflikt möglich. Eine längere Schließung der Straße von Hormus könnte den Ölpreis leicht über 100 USD pro Barrel treiben, da die Möglichkeiten zur Umgehung der Meerenge begrenzt sind. In den USA würde ein nachhaltiger Anstieg der Ölpreise von 65 auf 100 USD pro Barrel die Inflation um etwa 1 Prozentpunkt erhöhen und das BIP-Wachstum um 0,7 Prozentpunkte senken, was das Wachstum im Jahresvergleich Ende 2026 näher an 1% statt 1,8% bringen würde. In Europa würde das Wachstum unter 1% gedrückt.
In einem solchen Szenario wäre es unwahrscheinlich, dass die Zentralbanken aggressiv auf eine höhere Inflation reagieren, da dies einen Angebotsschock darstellen würde, der das Wachstum ausbremst – insbesondere, wenn die Aktienmärkte ebenfalls nachgeben, was die negativen Auswirkungen auf das Vertrauen und die Finanzierungsbedingungen noch verstärken würde.
Lage der Märkte zu Beginn der Kriegshandlungen
Die Eskalation zwischen den USA und dem Iran am Wochenende kam nicht völlig unerwartet. Die geopolitischen Risikoprämien waren in den letzten Wochen angesichts der in der Region zusammengezogenen militärischen Mittel bereits gestiegen. Der Ölpreis war seit Jahresbeginn um rund 20% auf ein Fünfmonatshoch gestiegen, die Break-Even-Inflation in den USA war gestiegen, der Goldpreis hatte zugelegt und defensive Aktien hatten zyklische Werte übertroffen[4]. Die Märkte hatten also mit einer gewissen Verschlechterung gerechnet.
Gleichwohl notieren Aktienindizes – insbesondere außerhalb der USA – immer noch nahe an ihren Höchstständen, was darauf hindeutet, dass geopolitische Risikoprämien noch nicht umfassend eingepreist sind.
Vorerst noch konstruktiv
Die robuste Wirtschaft und der Disinflationstrend haben unser konstruktives Szenario seit Anfang des Jahres gestützt, und wir halten hieran fest. Ein Blick in die Geschichte ist hier aufschlussreich: Geopolitisch bedingte Rückschläge sind in der Regel nur von kurzer Dauer, es sei denn, sie führen zu einem anhaltenden gesamtwirtschaftlichen Schock. Die Weltwirtschaft ist deutlich weniger ölintensiv als noch vor ein paar Jahrzehnten, und es würde einen starken und anhaltenden Anstieg der Energiepreise – weit über unser Basisszenario hinaus – erfordern, um das Wachstum entgleisen zu lassen.
Die Reservekapazitäten der OPEC bieten einen Puffer, und politische Anreize – insbesondere in den USA vor den Zwischenwahlen – dürften die Toleranz für strukturell höhere Ölpreise begrenzen. Daher bleiben wir vorerst zuversichtlich.
Bei einer Unterbrechung der Ölversorgung ist Zurückhaltung angesagt
Eine Entwicklung in Richtung 100 USD pro Barrel – sollten die Märkte signifikante Angebotsstörungen einzupreisen – würde die Stagflationsängste verstärken und besonders energiesensible Volkswirtschaften über Gebühr belasten. Asiatische Schwellenländer sind die am stärksten exponierte Region in unserer Allokation: Korea, Indien, Japan und China sind Importländer und wären mit komplett veränderten Handelsbedingungen und restriktiveren finanziellen Bedingungen konfrontiert.
Auf Branchenebene bieten Energie, Bergbau und Verteidigung in diesem Umfeld eine natürliche Absicherung. Im Gegensatz dazu sind zyklische Werte, verbraucherorientierte Sektoren und Fluggesellschaften nach wie vor anfällig für eine durch die Erdölversorgung bedingte Abschwächung. An den Aktienmärkten notiert Europa trotz fallender Renditen nahe an seinen Höchstständen und könnte bei einer Verschlechterung der Lage zu Gewinnmitnahmen neigen. Rohstofflastigere Indizes könnten sich im Vergleich relativ robust erweisen.
Wir haben eine gewisse Portfolioabsicherung über Derivate aufgebaut und einige Absicherungsstrategien über Edelmetalle, allen voran Gold, beibehalten.
Wir behalten die Entwicklung genau im Auge und wären bereit, unsere Aktienübergewichtung – insbesondere in Schwellenländern – je nach Umfang und Dauer des Konflikts zu reduzieren.
Schwellenländer: Mehr Zurückhaltung
Candriam-Fonds haben keine Exposure in iranischen Staatsanleihen, und die Exposure im Nahen Ostens ist nach wie vor sehr begrenzt.
Dennoch sind wir in Bezug auf Schwellenländer sowohl bei Aktien als auch bei Anleihen insgesamt vorsichtiger geworden, und zwar aus Gründen der Konvergenz.
Im Aktiensegment könnte ein stärkerer US-Dollar die Finanzierungsbedingungen verschärfen und Kursgewinne auf qualitativ höherwertige Titel beschränken. Außerdem haben wir unsere Exposure im asiatischen Technologiesektor – allen voran Korea und Taiwan – reduziert, wo die Märkte den Fundamentaldaten deutlich voraus und die Bewertungen überzogen waren. Insgesamt entsteht durch den Ölschock eine klare Kluft: Ölexporteure wie Brasilien oder die Golfstaaten könnten von besseren Handelsbedingungen profitieren, während Ölimporteure – Indien, China, Ägypten, Pakistan – mit Inflationsdruck, höheren Leistungsbilanzdefiziten und weniger politischer Flexibilität konfrontiert wären.
Bei Anleihen sind wir ebenfalls defensiver. Die Spreads von Staatsanleihen bleiben historisch eng und haben noch keine dauerhafte geopolitische Risikoprämie eingepreist, so dass kaum Spielraum für Fehler besteht. Wir halten Absicherungen aufrecht und achten auf eine Erweiterung der Spreads.
Auch Sondersituationen sind zu beachten. Länder mit anfälligen externen Positionen sind am stärksten gefährdet, wenn die Ölpreise hoch bleiben. Im Gegensatz dazu könnte sich eine Abschwächung des Einflusses von Iran positiv auf die Restrukturierungsaussichten des Libanon auswirken. Die Vereinigten Arabischen Emirate und Katar könnten trotz ihrer Ölbindung mit Gegenwind konfrontiert sein, wenn die regionale Instabilität ihren Ruf als stabile Finanz- und Geschäftszentren gefährdet.
Insgesamt sehen wir dies zwar nicht als grundlegende Veränderung für die Schwellenländer an. Die Kombination aus geopolitischen Risiken, einer möglichen Stärkung des US-Dollars, Unsicherheiten bei den Energiepreisen und überzogenen technischen Faktoren in Teilen des Marktes erfordert jedoch einen selektiveren Ansatz. Jede Neubewertung könnte eine Chance sein.
[1] Quelle: Bloomberg.com
[2] Quelle: Candriam, Bloomberg. Durchschnittlicher Brent-Rohölpreis im Jahresverlauf
[3] Quelle: Schätzungen von Candriam
[4] Quelle: Candriam, Bloomberg